Forschungsthema
Unter dem Projekttitel Sprachgitter digital wird an einer hybriden Gesamtausgabe der Werke und Schriften Jean Pauls (1763-1825) gearbeitet. Dazu befindet sich ein digitales Portal in Vorbereitung, das alle dem literarischen Schreiben zugeordneten Texte des Autors frei zugänglich präsentieren wird. Zudem wird die historisch-kritische Buchausgabe ‚Jean Paul: Werke‘ fortgeführt. Im Zentrum der Edition stehen die Digitalisierung und Herausgabe der nachgelassenen Handschriften, die von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz verwahrt werden; unter ihnen die vielleicht letzten Klassikerautographen großen Umfangs, die noch unbekannt sind. Es handelt sich größtenteils um Ideen-Sammlungen, die zu einem Gutteil das Wissen und die Wirklichkeitsvorstellungen der Moderneschwelle um 1800 spiegeln, indem sie aus unterschiedlichen Quellen der Zeit schöpfen.
Das auf 25 Jahre angelegte Akademieprojekt tritt an, Jean Pauls Textwelt erstmals umfassend und in ihren intertextuellen Zusammenhängen zu edieren. Dabei sind rund 40.000 Manuskriptseiten als Bilddaten bereitzustellen, darunter 7.120 Seiten aus wichtigen Schaffensphasen, die noch nie entziffert wurden und von der Forschungsstelle historisch-kritisch ediert werden. Zudem wird ein Volumen von rund 28.000 Original-Druckseiten und 19.000 Manuskriptseiten an Daten aus unterschiedlichen Vorgängereditionen in die Akademieausgabe überführt. Druckwerke mit vom Autor überarbeiteten Auflagen erscheinen als Bände der Buchausgabe. Auf diese Weise wird Sprachgitter digital das Schriftwerk Jean Pauls vollständig der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Eine digitale editorische Gesamtarchitektur setzt die Teilbereiche von Jean Pauls Schaffen zueinander in Beziehung. Sie versammelt erstmals alle Texte, verbindet sie an ihren genetischen und semantischen Nahtstellen und zeigt mit exemplarischen „genetischen Graphen“, einer Navigationshilfe, den Literarisierungsprozess eines Schaffens von Schrift aus Schrift. Die Entstehung von Jean Pauls Schrift-Welt auf der Grundlage seines Auslesens des Schrifttums der Spätaufklärungszeit wird erkennbar. Dabei lässt sich das Wandern von Ideen durch unterschiedliche Handschriften bis zum Druckwerk sowie deren Bedeutungsentwicklung beobachten, mit dem Effekt der ‚Selbstkommentierung‘ einer als besonders rätselhaft geltenden Literatur aus dem Fundus der Textwerkstatt (Projektstart: 2023).